Tilman Asmus Fischer
Tilman Asmus Fischer

Europa – eine Familiensache!

Heimat als Brücke zwischen Deutschen und Polen

70 Teilnehmer konnte Bundesvorsitzender Ulrich Bonk am 1. Mai zur verständigungspolitischen Tagung der Landsmannschaft Westpreußen begrüßen, darunter mehrere Gruppen aus dem Weichselland. Bundeskulturreferent Tilman Fischer erläuterte anschließend das Tagungsthema.

„Deutsche und Polen – Kulturelle Vergangenheitsbewältigung und Wege in die Zukunft“ lautete das Thema von Rolf Stolz (Köln). Anhand zahlreicher Beispiele aus der deutschen und polnischen Geschichte stellte er fest, dass jede Seite ihr eigenes, patriotisches Selbstbewusstsein hätte, und rief zu einer vorurteilslosen Geschichtsforschung auf. Nötig wäre ein von staatlicher Bevormundung befreiter Austausch, um einen echten Dialog zu führen und Fragen offen anzusprechen. Pfarrer i.R. Dr. Manfred Richter (Berlin) referierte über „Europäische Perspektiven des Reformationsjubiläums am Beispiel des Thorner Religionsgesprächs“. Hierbei ging er besonders auf den aus Mähren stammenden Johann Amos Comenius ein, der als Philosoph, Theologe und Pädagoge in ganz Europa gewirkt hatte. Er stellte Comenius als großen Interpreten der gesamtchristlichen Tradition dar. Nicht zuletzt dank seiner Schrift „Allgemeine Beratung zur Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten“, die sich sowohl auf den Wissenschafts-, den Politik- und den Religionsbereich bezog, würde Comenius als Vordenker eines integrativen Wissenschaftsverständnisses, der Versöhnung zwischen Staaten und Kulturen sowie des interkonfessionellen und interreligiösen Dialogs gesehen. Prof. Dr. Peter Maser (Münster) sprach über „Die evangelischen Kirchen als Partner der Vertriebenen – Geschichte, Gegenwart und Zukunft“. Er erläuterte die grundlegenden Verschiebungen nach dem 8. Mai 1945, Probleme bei der Unterbringung vertriebener Ostpfarrer und die Aufgaben der Kirchen in der Nachkriegszeit. Der damals gegründete Konvent der zerstreuten evangelischen Ostkirchen hätte heute ein neues Wirkungsfeld gefunden: Betreuung der Spätaussiedler und Kontakt zu den evangelischen Kirchen in den Heimatgebieten.

„Auf dem Wege zu einem europäischen Gedächtnis? Flucht und Vertreibung der Deutschen in der Erinnerungskultur Deutschlands, Polens und Tschechiens seit 1989“ war das Thema des Vortrags von Vincent Regente M.A. (Berlin), Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kulturstiftung Westpreußen. Er schilderte das historische Geschehen während und nach dem Zweiten Weltkrieg, die Rezeption im Kalten Krieg sowie den Diskurs und die Entwicklung nach 1989. Er verglich die diesbezüglichen Museen in den jeweiligen Ländern und wies auf das Haus der Europäischen Geschichte hin, das 2016 in Brüssel eröffnet werden soll.

 

Im Anschluss hatten die Teilnehmer Gelegenheit, zwei Workshops zu besuchen: Workshop 1 unter der Leitung von Tilman Fischer beschäftigte sich mit Familien- und Ortsgeschichte im vereinigten Europa. Hierzu gab es Impulsvorträge vom Vorsitzenden des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen, Richter i.R. Reinhard Wenzel (Celle), dem Ortsgeschichtsforscher Günter Hagenau (Detmold) und dem polnischen Regionalhistoriker Lech Slodownik M.A. (Elbing). Der Zugang zu bisher kaum bekannten Quellen wurde ebenso aufgezeigt wie das detaillierte Vorgehen bei der Ortssuche. Workshop 2 unter der Leitung von Prof. Dr. Erik Fischer, Vorstandsvorsitzender der Kulturstiftung Westpreußen, untersuchte „Westpreußen – Regionale Identitäten einer europäischen Kulturlandschaft“. Nach Impulsvorträgen von Prof. Dr. Erik Fischer (Dortmund), Vincent Regente M.A. (Berlin) und Till Scholtz-Knobloch (Oppeln) bewertete die deutsch-polnische Teilnehmergruppe anhand von 15 Objekten aus dem Westpreußischen Landesmuseum, was aus ihrer Sicht heute noch für Westpreußen steht. Man war sich einig, dass Westpreußen künftig in Städten und Kreisen („Inseln der Geschichte§) stattfinden würde.

 

Lech Slodownik M.A. referierte über „Die Namenskunde der Ortschaften in Ost- und Westpreußen 1945–1949 am Beispiel der Kreise Elbing und Preußisch Holland“. Nachdem Polen am 23. Mai 1945 den Bezirk Masuren übernommen hatte, war die – auch nur vorübergehende – Verwendung vorgefundener deutscher Namen nicht statthaft, weshalb die Umbenennungen sehr schnell erfolgten. Nach einem ministeriellen Erlass sollten die polnischen Namen den historischen entsprechen, also hauptsächlich wörtlich übersetzt werden. Es hätte aber auch Umbenennungen mit patriotischer Note gegeben (z.B. viele Namen aus dem Buch „Die Kreuzritter“ von Henryk Sienkiewicz). Dank der in Elbing eingesetzten Kreiskommission für Ortsnamenbenennungen wären auch einige gelungene Anpassungen erfolgt. Die nun folgende Anweisung des Ministers für die wiedergewonnenen Gebiete (Władysław Gomułka), wonach alle vorläufigen Namen keine Rechtskraft hätten und durch amtliche Namen zu ersetzen wären, hätte zu weiteren Umbenennungen geführt. Die alten urkundlich belegten Namen lebten jedoch im Gedächtnis der von dort stammenden Menschen – und der Historiker – weiter. „Unter schlesischer Dominanz. Journalismus für die deutsche Volksgruppe zwischen Verbandspolitik und Öffentlichkeit“ war das Thema von Till Schultz-Knobloch (Oppeln). Er berichtete über seine Tätigkeit als Chefredakteur der Zeitung „Deutsches Wochenblatt – Zeitung der Deutschen in Polen“ und zeigte auch eine Ausgabe der wöchentlich im Oppelner und Kattowitzer Fernsehen ausgestrahlten Sendung „Schlesienjournal“. Es würden Themen in deutscher und polnischer Sprache behandelt.

 

Nach allen Vorträgen nutzten die Anwesenden die Gelegenheit, mit den Referenten zu diskutieren. Im Podiumsgespräch mit den Referenten und einer Diskussion mit den Kongressteilnehmern wurde noch einmal deutlich, dass ein offener Dialog der Verständigung durchaus dienlich ist – und im Rahmen unseres Verbandes und seiner Partner weit gediehen. Im Falle dieser Tagung konnte er auch Dank finanzieller Unterstützung durch BMI und BKM fortgesetzt werden.

Heidrun Ratza-Potrÿkus

 

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 8/2015.

Tagungsbericht

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In: zeitzeichen 4/2016, S. 68.

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