Tilman Asmus Fischer
Tilman Asmus Fischer

„Der Tagesspiegel“, 24. April 2015 (Vollständiger Artikel: http://www.tagesspiegel.de/berlin/vertriebene-in-berlin-was-ist-heimat/11686586.html):

Vertriebene in Berlin

Was ist Heimat?

Von Johannes Laubmeier

 

Flucht, Notunterkünfte, Entwurzelung: Darüber diskutierte Deutschland auch 1945. Viele Heimatvertriebene landeten nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin. Bis heute leben manche in Enklaven der Erinnerung.

 

[…]

 

Auch wenn sich die Vertriebenen mit dem Leben in Berlin arrangiert haben, sind bei vielen trotzdem Orte beliebt, an denen die Vergangenheit fortlebt. Das Restaurant „Marjellchen“ in der Mommsenstraße in Charlottenburg ist so eine Enklave. […] Das Marjellchen ist ein Touristenliebling, Reisende aus aller Welt loben auf Online-Portalen die „authentische deutsche Küche“. Jetzt, im Frühjahr, ist allerdings Nebensaison, und so sind es größtenteils ältere Männer und Frauen, zu zweit oder allein, die an den Tischen sitzen und auf ihr Essen warten.

 

Zwischen ihnen, an einem Ecktisch, sitzt Tilman Fischer, Tweed-Jacket, Karohemd und Hornbrille, Föhn-Frisur und kurzer Kinnbart. Als „überaus engagierten jungen Westpreußen“ hat Sibylle Dreher den 24-Jährigen empfohlen, als einen, mit dem man unbedingt reden müsse, wenn man mehr über die Heimatvertriebenen in Berlin erfahren wolle. Fischer studiert evangelische Theologie an der Humboldt-Universität. Eines seiner Facebook-Fotos zeigt das Rathaus des Ortes Chelmno in der polnischen Woiwodschaft Kujawien-Pommern, der früher Kulm hieß und in Westpreußen lag – Sibylle Dreher hat ein „Gefällt mir“ darunter gesetzt. Außerdem ist Fischer seit zehn Jahren SPD- und Juso-Mitglied. Die Kellnerin kommt an den Tisch. „Guten Tag, Herr Fischer, schön Sie wieder hier zu haben, was darf es sein?“ Als Aperitif gibt es Pillkaller, klaren Schnaps, der mit einer Scheibe Leberwurst und einem Spritzer Senf serviert wird. Als Hauptgang bestellt Fischer, ohne auf die Karte zu schauen, „Schlesisches Himmelreich“: Rauchfleisch mit Backobst und Hefekloß. Fischer hat das Lokal als Treffpunkt gewählt, weil es ein „kleines ostpreußisches Restaurant“ sei, so stand es in seiner SMS.

 

Beim Essen beginnt er zu erzählen. Erst vor acht Jahren begann er, sich für den Herkunftsort seiner Großeltern in Westpreußen zu interessieren. Sein Großvater, der aus Walcz kam, einem Ort, der früher „Deutsch Krone“ hieß, war zu diesem Zeitpunkt schon verstorben. Die Vertreibung war nie ein Thema in der Familie gewesen, irgendwann jedoch überredete Fischer seinen Vater, mit ihm zu einem Treffen der Westpreußischen Landsmannschaft zu gehen. „Ich habe mit 16 zum ersten Mal einen Bildband von Westpreußen gesehen – und das war Liebe auf den ersten Blick.“

 

Von da an begannen Vater und Sohn, sich zu engagieren, übernahmen Ämter in der Landsmannschaft und anderen Organisationen. Heute ist Fischer Vorsitzender des Bezirks Nord der Westpreußischen Jugend, Bundeskulturreferent der Landsmannschaft Westpreußen und stellvertretender Vorsitzender des Vereins AGMO, der sich für die deutsche Minderheit in Polen einsetzt. Außerdem schreibt er für die „Der Westpreuße – Unser Danzig“, die Zeitung der Landsmannschaft, die monatlich erscheint.

 

Warum dieses Engagement für eine Heimat, in der er nie gelebt hat, ein Land, das mehr als 40 Jahre vor seiner Geburt aufhörte zu existieren? „Je weiter ich nach Nordosten komme, desto heimischer fühle ich mich. Ich glaube, da gab es einfach einen unbewussten Schnitt in meiner Familie.“ Mit Revanchismus habe er nichts am Hut, sagt Fischer. Zwar bezeichnet er sich selbst als Westpreuße, doch das habe mit seinem Interesse für Geschichte und Tradition zu tun, nicht mit dem Wunsch, irgendetwas zurückhaben zu wollen.

 

Neben der Garderobe des „Marjellchens“ liegen ein paar Ausgaben der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“. Die solle man besser erst nach der Recherche lesen, sagt Fischer lachend. Er selbst liest viele der Vertriebenenzeitungen, aber bei dieser, die sich im Untertitel „Ostpreußenblatt“ nennt, frage er sich mitunter, ob sie nicht eher ein bestimmtes politisches Spektrum ansprechen wolle als die Gesamtheit der Ostpreußen. Die „Preußische Allgemeine“ ist das offizielle Presseorgan der Ostpreußischen Landsmannschaft, ein Blatt, das nach Eigenaussage „gegen den politisch korrekten Zeitgeist“ anschreibt. „Preußisch korrekt“ nennt die Zeitung die eigene Linie, neu-rechts nennen sie ihre Gegner. Auch andere Vertriebenenzeitungen bieten Angriffsflächen für solche Vorwürfe, so plädiert etwa die „Pommersche Zeitung“ noch heute für ein „freies Pommern im geeinten Deutschland und vereinten Europa“.

 

Tilman Fischer schreibt anders, klarer. Von Versöhnung handeln seine Artikel, von gegenseitiger Annahme und kulturellem Austausch. Revanchistische Positionen, so steht es in einem seiner Texte, seien die einer „kleinen, aber nicht einflusslosen Minderheit von Funktionären und Aktivisten“, mit der er sich nicht identifizieren kann und will. Er setzt sich für eine Annäherung zwischen der deutschen und polnischen Öffentlichkeit und den Vertriebenen ein. Sein jüngerer Bruder sage ihm oft, dass das alles keine Zukunft habe – die Verbände, die Treffen, sein Engagement. Trotzdem will Fischer weitermachen, obwohl auch er nicht weiß, wie viel Zukunft das alles hat. „Ich habe mir mein Heimatgefühl nicht ausgesucht.“

 

Eine Solidarisierung der Verbände mit den heutigen Flüchtlingen fände Fischer gut, wenn sie ernst gemeint und nicht nur ein „moderner Anstrich“ sei. Auch müsse man prüfen, ob man so etwas neben dem „Kerngeschäft“ leisten könne.

 

[…]

 

Ein letztes Treffen mit Tilman Fischer steht an, an einem öffentlichen Erinnerungsort der Vertriebenen. Es gebe nicht viele davon, sagt er, aber der Theodor-Heuss-Platz sei einer. „Freiheit, Recht, Friede“ steht in großen Lettern auf dem mannshohen Quader aus Kunststein, der auf der Ostseite des Platzes über einen Metallzaun ragt, zwischen dem ehemaligen Amerikahaus, in dem heute die „Wühlmäuse“ spielen, und dem Turm des RBB-Gebäudes. Fischer geht um den Steinblock herum, zur Rückseite. Dort steht, auf einer Metalltafel, in kleinerer Schrift: „Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung.“

 

Die Landsmannschaften haben das Denkmal gestiftet. Eingeweiht wurde es 1955, da hieß der Platz noch Reichskanzlerplatz, daneben entzündete man eine ewige Flamme. Bis heute legen Politiker und Vertriebene hier jedes Jahr zum Tag der Heimat Kränze nieder.

 

Heute, an einem Frühjahrsnachmittag, ist der Platz völlig leer, Tilman Fischer steht allein auf dem hellen Pflaster. Keine Kränze liegen auf dem Boden, keine Schulklassen und Touristen machen Selfies vor dem Mahnmal. Wie ein blinder Fleck in der Stadt wirkt der Ort, stetig umrundet vom Strom der Autos. Oben auf dem Quader brennt, in einer Eisenschale, die ewige Flamme. Eigentlich war geplant, sie zu löschen, sobald Deutschland wiedervereinigt würde. Sie brennt immer noch.

Neu...

Rezension zu:

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

In: zeitzeichen 4/2017, S. 68.

Reaktionen

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Tilman Asmus Fischer