Tilman Asmus Fischer
Tilman Asmus Fischer

Reformation und die eine Welt – Reformation an der Weichsel

Westpreußen-Kongress – 23. bis 25. September in Warendorf

Weit über 100 Teilnehmer konnte Bundesvorsitzender Ulrich Bonk begrüßen, die aus Deutschland, Polen und Kanada zum diesjährigen Westpreußen-Kongress nach Warendorf gekommen waren. Der Stellvertretende Bundesvorsitzende Tilman Asmus Fischer führte in das Thema „Reformation und die Eine Welt – Reformation an der Weichsel“ ein und wies auf die kulturelle Vielfalt Europas hin, die sich in Westpreußen wie in einem Brennglas spiegelte.

Im ersten Teil der Tagung gaben drei historiografische Vorträge Einblick in grundlegende Fragestellungen der westpreußischen Reformationsgeschichte.

„Und siehe die Wunder, nach Preußen eilt in voller Fahrt und mit vollen Segeln das Evangelium. Das Evangelium geht auf und schreitet fort in Livland, so wunderbar ist Christus.“ Mit diesem Luther-Zitat eröffnete PD Dr. Sven Tode aus Hamburg seinen Vortrag über die „Reformation in den kleinen Städten Westpreußens“. Er schilderte die Entwicklungen in u. a. Schlochau, Konitz, Stuhm, Christburg, Marienburg, Marienwerder, Neustadt, Putzig, Graudenz und Dirschau. Die vorliegenden Quellen beträfen das tägliche Leben und belegten viele Schwierigkeiten, denen sich die Geistlichen ausgesetzt sahen. Die Probleme waren nicht nur wirtschaftlicher bzw. finanzieller Art: Eigene theologische Kenntnisse der Gemeinden hätten manchmal zu obstruktivem Verhalten bei der Einführung neuer Pfarrer geführt; wer mit dem Predigtstil nicht zufrieden war, ging ins Nachbardorf. Hier gebe es im Gegensatz zu den großen Städten (Danzig und Thorn) durchaus noch Nachholbedarf in der Forschung.

Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg aus Gießen erläuterte „Luthertum, Reformierte (Calvinisten) und Katholiken – Konfessionelle und Frühnationale Trennlinien im Preußenland“. Unter König Sigismund I. sei die reformatorische Bewegung in Preußen Königlichen Anteils bis in die 1550er Jahre eine geduldete, etwas im Untergrund agierende Gemeinschaft gewesen. Die Katholische Reform hätte zur Gründung zahlreicher Jesuitenkollegs geführt. Diese boten eine kostenlose humanistische Bildung und wurden auch von Protestanten besucht, ohne dass diese in ihrer Gänze konvertiert seien. Neben den beiden großen Kirchen existierten in Preußen viele kleinere religiöse Gemeinschaften (Täuferbewegung, Mennoniten, Böhmische Brüder, Schlesische Piasten, Antitrinitarier, Unitarier, jüdische Gemeinden). Konfessionelle und nationale Grenzen entstanden erst im 18. Jahrhundert (Thorner Blutgericht 1724). Bisher gebe es eine breite polnische Forschung zu diesen Themen, jedoch wenig von deutscher Seite. Der Referent appellierte an deutsche und polnische Forscher, sich zu vernetzen, um gemeinsam weiter zu forschen.

Mit der „Reformation im Hanseraum: Kaufleute, Bücher und Sanktionen“ befasste sich Dr. Anja Rasche aus Lübeck. Hanse und Reformation seien durch die Personen der Kaufleute eng miteinander verflochten gewesen. So traten diese als Gläubige, Bilderstifter und Händler in Erscheinung. Vor allem das neue Medium Buchdruck war von großer Bedeutung für die Ausbreitung und den Erfolg der reformatorischen Ideen. Luthers Schriften wurden in Hansestädten gedruckt und mit Hilfe des Distributionsnetzes der Hanse verbreitet. So gelangten seine Ideen über alle Sprachbarrieren und Grenzen hinweg in vermeintlich entlegene Gebiete, z. B. nach London, Reval usw. Insgesamt sei die Reformation im Hanseraum ein faszinierendes Forschungsfeld, auf dem es noch viel zu entdecken gebe.

An den reformationsgeschichtlichen Vortragszyklus schlossen zwei Arbeitsgruppen an, die sich mit der aktuellen Aneignung und Erhaltung des protestantischen Erbes im unteren Weichselland (AG 1) und mit dem Copernicus-Forscher Professor Hans Schmauch (AG 2, siehe Kasten) befasste. In AG 1 berichteten exemplarisch Hanno Schacht über die denkmalpflegerische Projekte in Marienwerder, Sibylle Dreher über die Revitalisierung evangelischer Friedhöfe in der Republik Polen und Reinhard Wenzel über das aktuelle Forschungsprojekt zur Erstellung des „Altpreußischen Pfarrerbuches“.

Über die aktuelle Situation der Kirchen in Polen informierten im zweiten Teil der Tagung zwei Refenten aus Warschau.

Prof. Dr. Karol Sauerland berichtete über „Kirche(n) und Religion in Polen – ihre gesellschaftliche und politische Bedeutung im 21. Jahrhundert“, wobei die katholische Kirche als die mit Abstand größte in Polen im Zentrum des Vortrags stand. Nach dem Zweiten Weltkrieg sowie mit der Wahl von Karol Wojtyła zum Papst erlebte sie einen bedeutenden Aufschwung. Sie finanziere sich hauptsächlich aus Spenden, wobei die Spendenbereitschaft in Polen ungleich höher sei als beispielsweise in Deutschland. Lediglich die Militär- und Polizeiseelsorger würden vom Staat bezahlt. Heute stelle der polnische Katholizismus eine Lebensform dar und habe wenig mit Glauben zu tun, auch wenn sich 87 % der Bevölkerung als katholisch bezeichneten.

„Die aktuelle Lage der lutherischen Diaspora in der Republik Polen“ beleuchtete Dr. Jerzy Sojka. Sie firmiert unter der Bezeichnung „Evangelisch-augsburgische Kirche in Polen“ und hat 71.000 Mitglieder, was 0,2 % der Bevölkerung entspricht. Ebenso wie die katholische finanziere sich auch die evangelische Kirche weitgehend aus Spenden; Militär- und Polizeiseelsorger würden vom Staat bezahlt. Die wenigen Pfarrer wären meistens für vier teils weit auseinander liegende Gemeinden zuständig. Zusätzlich zu den Aufgaben im Heimatland betreuten sie auch im Ausland lebende evangelische Polen (z. B. in Deutschland, Großbritannien, Irland und den Niederlanden). Ferner gebe es eine Zusammenarbeit mit evangelischen Kirchen im Ausland sowie eine Internet-Seite der polnischen evangelischen Bewegung. Diakonie und Caritas führten in Polen ökumenische Aktionen durch, auch mit den orthodoxen Gemeinden. Leider gebe es fast keine Lehrbücher für evangelische Theologie in polnischer Sprache, so dass die Studenten zunächst einmal Deutsch lernen müssten, um überhaupt ihr Studium in Angriff nehmen zu können. Für 2017 seien zwei Projekte geplant: die Herausgabe eines evangelischen Katechismus sowie eine einfach beschriebene Geschichte der Reformation aus evangelischer Perspektive.

Den Abschlussvortrag hielt der Bundesvorsitzende der Paneuropa-Jugend, Franziskus Posselt aus München, über „500 Jahre Reformation: Politische Herausforderungen und Perspektiven für Europa“. Bis 1500 habe man es mit einem Europa der geistlichen Einheit zu tun gehabt, in dem an allen 66 Universitäten in lateinischer Sprache gelehrt worden sei. Die Reformation habe nicht nur geistliche, sondern auch gesellschaftspolitische Veränderungen bewirkt, zu denen neue Staatsgründungen und häufig die Trennung von Kirche und Staat gehörten. Dies hätte auch heute noch Auswirkungen auf die Bemühungen um die europäische Einigung. Der Referent erläuterte die Entstehungsgeschichte und Ziele der Paneuropa-Union und stellte fest, dass es 500 Jahre nach der Reformation eine große Aufgabe gäbe: die europäische Einigung. Diese solle zu einer Einheit in der Vielfalt, einer Ökumene der Völker und Christen sowie einem Zusammengehörigkeitsgefühl aller Europäer führen.

Nach allen Vorträgen nutzten die Teilnehmer die Gelegenheit zur Diskussion mit den Referenten. Während des feierlichen Abschlusses des Kongresses wurden zwei verdiente Westpreußen für ihren langjährigen und vielfältigen Einsatz jeweils mit der Westpreußen-Medaille geehrt: Martin Holland und Sibylle Dreher. In seinem Schlusswort dankte Ulrich Bonk für die finanzielle Förderung der Tagung durch das Bundesministerium des Innern und der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien aus Mitteln des Kulturreferats für Westpreußen.

Heidrun Ratza-Potrÿkus

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 10/2016.

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Rezension zu:

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

In: zeitzeichen 4/2017, S. 68.

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